Trauer um Michael Jürgs

Trauer um Michael Jürgs

Ich weiß noch genau, wie wir uns kennenlernten. Ich saß in Mainz bei 3sat am Schreibtisch, um mich auf meine Moderation des Wissenschafts- und Zukunftsmagazins “nano” vorzubereiten als das Telefon klingelte. Er wolle ein Porträt über mich schreiben für die Süddeutsche Zeitung knarzte es am anderen Ende der Leitung in einem eher befehlsähnlichem Ton, wobei ich dem immer schneller Redenden aufmerksam zuhörte und schlussendlich dankend ablehnte. Jürgs war mir als freche Feder bekannt, bei dem man wohl kaum gewinnen konnte.

Meine Ablehnung muss ihn angestachelt haben. Er ließ nicht locker bis ich schließlich auf die Idee verfiel, wenn er denn unbedingt etwas über mich schreiben wolle, dann müsse er in meine Heimatstadt Leipzig kommen. So meinte ich, ihn abwimmeln zu können. Aber er kam. Es wurde ein unvergesslicher Abend im Gohliser Schlößchen und ich ließ es mir nicht nehmen, ihn weit nach Mitternacht zu seinem Hotel zu fahren mit meinem alten, kinderwagentauglichen Opel Vectra Kombi, den ich für das Hin- und Herreisen mit meiner damals kleinen Tochter zwischen dem MDR in Leipzig und dem ZDF und 3sat in Mainz angeschafft hatte.

Weil wir aber noch immer munter diskutierten und gestikulierten, verpasste ich beim Fahren um eine Kurve den Straßenverlauf und landete ca 20cm tiefer im Gleisbett der Straßenbahn. Doch jetzt Michael Jürgs gegenüber Schwäche zu zeigen, wäre mir seinerzeit nicht in den Sinn gekommen. Wie zartfühlend und tröstend er sein konnte, hat sich mir erst viel später erschlossen.

In dieser Nacht legte ich kurzerhand den Rückwärtsgang ein, gab nochmal ordentlich Gas und hievte den Wagen zurück aus dem Gleisbett auf die Fahrbahn, was einen erheblichen Schaden am Unterboden des Autos und am Auspuff verursachte. Es war mir in diesem Moment egal. Für mich zählte, den großen Journalisten Jürgs heil vorm Hotel abzusetzen. Was gelang, auch wenn mein Wagen danach werkstattreif war.

Es muss ihn beeindruckt haben, denn seitdem riss der Faden zwischen uns nie mehr ab. Er unkte per Mail zu mir in den Osten und mir fiel immer eine Replik-Unke ein und so vergingen die ersten Jahre bis er schließlich auf die Idee kam, aus unserem west-östlichen Schlagabtausch ein Buchprojekt zu machen. Ich willigte ein, allerdings unter der Maßgabe, dass es ein versöhnliches Ende geben müsse unter dem Motto “Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude”. Und so kam es.

Schmerzhaft erinnere ich, dass er immer schneller im Schreiben war als ich. War ich noch mit dem groben Inhalt meines Kapitels beschäftigt, schob er bereits seinen fertigen Text über den Tisch. Es war wie ein Wettlauf zwischen Hase und Igel, den ich nur ein einziges Mal gewann als ich mich mit einer Flasche Wein nachts auf den Dachboden meiner damaligen Wohnung setzte und einfach schrieb und schrieb, nicht mehr hinterfragte und mich nicht selbst korrigierte, sondern es laufen ließ.

Als ich ihm in den frühen Morgenstunden das Kapitel sendete, war das eine der wenigen Gelegenheiten in unserer fast 20-jährigen Freundschaft, in der ich ihn überraschen konnte.

Zu den schönsten Erinnerungen gehören die gemeinsamen Lesereisen, die sich an die Veröffentlichungen unserer Bücher “Typisch Ossi, Typisch Wessi” oder “Kreuzweise deutsch” anschlossen und die uns sogar -oft zusammen mit meinem Töchterchen, die bald ihren sehr eigenen künstlerischen Faden zu Michael spann-, nach London und Paris führten. Die Zuhörer lachten und klopften sich auf die Schenkel, wenn sich Michael über die angeblich dumpfbackigen Ostdeutschen ereiferte. Aber sie lachten nicht minder herzlich, wenn ich an der Reihe war und die spießigen Westdeutschen karikierte.

Michael Jürgs konnte sehr arrogant und provokant wirken. Er teilte mit Freude aus, war allerdings nicht der Beste im Einstecken. Er konnte richtig nervig und auch penetrant sein. Aber vielmehr als all das war er ein sehr aufrechter und tiefgründiger Charakter. Ich kenne keinen anderen, den geschehenes Unrecht so auf die Barrikaden und ins Engagement bringen konnte.

Wenn wir uns trafen, waren die Abende lang und lehrreich und endeten mit einem “Grappa in die Fresse”, was letztlich zwischen uns zu einem geflügelten Wort wurde, da, wo andere einen Schlusssatz oder ein Abschiedswort setzten.

Manchmal habe ich ihm gewünscht, er möge mehr Innehalten in seinem Tempo. Eher mal Nachsinnen als schon wieder ein nächstes Buch zu schreiben. Er konnte sich über Redundanzen von anderen empören und sah seine eigenen nicht. Aber wenn ich versuchte, ihn so zu erreichen, dann knallte er mir fröhlich die alte DDR-Parole an den Kopf: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!”. Damit war für ihn alles gesagt.

Er fühlte sich stark und hatte sich durch die Brüche und seelischen Verletzungen in seinem Leben nahezu unverwundbar gemacht. Das aber war nur die äußere Schale. Dahinter steckte ein sehr feiner und sehr kluger Mensch, der meistens ein Lächeln auf den Lippen hatte. Michael Jürgs war ein vorbildlicher Hüter und Kämpfer für journalistische und zutiefst menschliche Werte.

Es hat ihn hart getroffen als er unvermittelt schwer erkrankte und es ging körperlich rapide bergab. Sein Geist wehrte sich und trotzte dem Leben noch ein allerletztes Buch ab, das nun tatsächlich -so wie der geplante Titel- “Post Mortem” erscheinen wird.

Sieben Tage vor seinem Tod haben wir das letzte Mal gemailt. Er hat sich wie über all die 20 Jahre unserer Freundschaft und Wegbegleitung dafür interessiert, wie es dem Wossi und dem Ossi nunmehr in der Hauptstadt angekommen, denn so geht und da gab es natürlich auch ein bisschen zu klagen, wie es dem Ostdeutschen halt so gerne nachgesagt wird und dann wohl in den Genen steckt. Er zeigte Verständnis und schrieb am Ende:  Aber ihr lebt! Und habt noch Träume. Das sind die wesentlichen Dinge im Leben. Und ich… kann nicht mal mehr Grappa in die Fresse kriegen. Manchmal möchte ich nicht mehr aufwachen müssen, aber dann wehre ich mich doch wieder gegen den Tod. Solange die Kraft halt reicht. Herzlich und alles Gute für Euch! Michael”.

Es tut sehr weh, dass er nun nicht mehr unter uns ist. Und was bleibt, sind nicht nur Erinnerungen. Es ist auch das nicht endende Zwiegespräch mit einem Geist, der mich geprägt hat und mit dem immer Resonanz möglich war. Danke, Michael!