Moderation zur Lage der Generationen

Moderation zur Lage der Generationen

 

Der Saal brummte. Jeder Platz war besetzt. Am Ende mussten weitere Stühle hereingetragen werden und einige setzten sich schließlich einfach an den Bühnenrand. So sehr zog die Veranstaltung zur „Lage der Generationen“ das Publikum an.

Das Verhältnis zwischen jung und alt, also: Wie gehen wir miteinander um? Wie prägen wir uns gegenseitig und welche Werte sind uns dabei wichtig? Das alles sind aktuell brisante Fragen wie sich nicht zuletzt jeden Freitag bei „friday for future“ zeigt. Gestern wurde der Zusammengang zwischen den Generationen noch um eine Dimensionen erweitert, weil es bei meiner Moderation zum Thema „Aufbruch-Umbruch-Ausbruch“ für die FES im Haus Ungarn in Berlin auch um das Verhältnis und die Erfahrungswelten zwischen Ost und West ging. Anlass war zunächst das Buch „Ostfrauen verändern die Republik“ von Tanja Brandes und Markus Decker, übrigens beide Wessis, die aber genau dieses Phänomen interessierte als sie bei ihrer journalistischen Arbeit plötzlich bemerkten, dass da nicht nur Angela Merkel, Kathrin Göring-Eckardt, Sarah Wagenknecht oder Marianna Birthler politische Spitzenpositionen eroberten, sondern auch Manuela Schwesig, Katja Kipping, ja, und auch Frauke Petry – mithin alles Ostfrauen. Zeitgleich stiegen in der Wirtschaft Ostfrauen wie Hiltrud Werner (Vorstand von VW) oder Viola Klein (seit 1994 Gründerin von inzwischen 5 erfolgreichen Softwarefirmen) in den Olymp der Männlichkeit auf. Wie also kommt es, dass es ausgerechnet Ostfrauen sind, die in Wirtschaft und Gesellschaft nach der Macht greifen und bereit sind, außergewöhnlich viel Verantwortung zu tragen.

Es liege daran, dass die Frauen in der DDR es gewohnt waren „ihren Mann zu stehen“. Dass ihre Berufstätigkeit nicht nur wirtschaftlich notwendig, sondern auch politisch gewollt war und dass dafür die Voraussetzungen geschaffen wurden mit Kinderkrippen, Kindergärten und Hortbetreuung nach der Schule.

Doch gab es deshalb in der DDR tatsächlich eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Das wurde heiß diskutiert, denn nur die Frauen hatten einen „Haushaltstag“ und wurden am „Frauentag“ für ihre Dreifachbelastung aus Beruf-Familie-Haushalt mit roten Nelken geehrt.

Genau so wurden viele DDR-Mütter für ihre Töchter zum Vorbild, was Frauen alles leisten können und in der Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung war so manche Ostfrau wie z.B. Viola Klein zutiefst darüber irritiert, dass sich Westfrauen von ihren Männern als „Ernährer“ abhängig machen oder aushalten lassen, weil sie keinen Beruf ausüben und somit kein eigenes Einkommen haben.

Vielleicht ist neben dem Ampelmännchen und dem grünen Pfeil nur noch der emanzipierte Auftritt der Ostfrauen das, womit der Osten tatsächlich den Westen prägen konnte.

Aber es gibt natürlich auch die Verlierer-Geschichten, weil auch solch engagierte DDR-Frauen in der Nachwendezeit ihre Jobs verloren, die Betriebe platt gemacht wurden und Ausbildungen und Zeugnisse entwertet. Was dann übrig blieb, waren Arbeits- und Aussichtslosigkeit. Nicht flächendeckend wie das Beispiel von Viola Klein zeigt, die ausgerechnet in dieser Zeit ein Baby bekam und sich dann zunächst als arbeitslose Alleinerziehende durchboxen musste bis ihr die Idee mit der Firmengründung kam. Aber auch da erlebte sie, dass der Unsolide aus dem Westen 1,5 Millionen Euro Kredit bekam und später Pleite ging, während ihr nicht einmal 20.000 D-Mark zugestanden wurden. Und hätte nicht die Oma das Geld geborgt, hätte Viola Klein nicht so erfolgreich durchstarten können wie in den vergangenen Jahren, in denen sie dann sogar in den „Mittelstandsbeirat des Wirtschaftsministeriums“ berufen wurde.

Die DDR ist nicht zu glorifizieren. Es war eine Diktatur mit die Freiheit einschränkender Mauer. Erklärtes Ziel war es, die Bürger gleichzuschalten und zu indoktrinieren und wer versuchte, von dieser Linie abzuweichen oder auszubrechen, wurde bespitzelt, verfolgt, ins Gefängnis gesperrt und nicht zuletzt auch beim Fluchtversuch erschossen.

Dennoch lohnt sich die Frage, welche Prägungen und Erfahrungen aus der DDR heute noch wichtig sind. Das beschäftigt auch die 1976 geborene Dr. Judith Enders, die deshalb die Initiative „3te Generation Ostdeutschland“ gegründet hat, aus der der Verein »Perspektive Hoch 3« hervorging.

Es braucht den politischen Willen, an der Männerdominanz in Spitzenpositionen etwas zu verändern und ebenso politischen Willen, um den Osten aufzuwerten. Von 50 Bundesbehörden sind nur drei auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu finden und kein einziger von den DAX-Konzernen hat dort seinen Hauptsitz. Dass sich hier etwas ändern muss und dafür eine Quote nötig ist, war nicht nur die einhellige Meinung von Elisabeth Kaiser, MdB aus Thüringen und Josephine Ortleb, MdB im Saarland. Auch die Journalsitin und Autorin Sabine Rennefanz, deren Buch “Eisenkinder” über die stille Wut der Wendegeneration mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand, weiß, dass den Frauen nicht unbedingt freiwillig die Plätze ganz oben freigeräumt werden.

Dennoch, am Ende geht es nicht allein um Vorschriften und Gesetze. Vor allem der Geist einer Gesellschaft ist wesentlich. Und hier können die Frauen den Geist des werdenden Lebens verkörpern und können entsprechende Impulse setzen gegen reines Konkurrenzdenken und Machtgehabe. Und: auch Männer ändern sich und entdecken immer öfter die Freude und tiefe Sinnstiftung von „Küche und Kindern“.

Quelle: Maren Strehlau