In der Zukunft gibt es mehr Vergangenheit

Alle Jahre wieder und in etwa drei Monate vor Weihnachten tauchen nicht nur die ersten Lebkuchen auf und das Christkind naht. Alle Jahre wieder feiern wir am 3. Oktober seit nunmehr 28 Jahren den Tag der Deutschen Einheit. In fast routinierter Regelmäßigkeit liegen sie dann erneut auf dem Tisch, die Befindlichkeiten und Wasserstandsmeldungen zum Leben der Ostdeutschen gepaart mit gut gemeinten Sonntagsreden. Seit 1990 leben Ost und West wieder vereint, aber noch immer blühen neben den renaturierten Industrielandschaften und sanierten Innenstädten auch (Vor-)Urteile wie: Ossis können kein Hochdeutsch und Wessis denken nur ans Geld oder Ossis meckern dauernd und Wessis würden am liebsten wieder eine Mauer bauen.
Schon 2005 dachten Michael Jürgs (West) und ich (Ost) es ist höchste Zeit für eine schonungslose Abrechnung zwischen Ossis und Wessis, die wirken kann wie ein befreiendes Gewitter und das unter dem Motto: “Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude” (www.randomhouse.de). Der Nachrichtendienst dpa schrieb dazu “noch nie wurde so deutlich artikuliert, was unterschwellig für Frust der Menschen unter dem einst geteilten Himmel sorgt.”
Auch die aktuellen Berichte zur Deutschen Einheit zeigen, dass die sogenannten “gleichwertigen Lebensverhältnisse” noch nicht erreicht sind.  Der Lohnunterschied soll bei ca. 740€ pro Monat liegen, der Abstand zur westdeutschen Wirtschaft bei 30% und obwohl die Ostdeutschen 17% der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind nur unter 2% in Spitzenpositionen vertreten.
Aber ich will hier natürlich nicht nur Werbung für unser Buch “Typisch Ossi – Typisch Wessi” machen, das die Bestsellerlisten eroberte und mit dem vor allem auch die Lesereisen sehr viel Spaß gemacht und das Publikum erheitert und erhellt haben -späterhin folgte ja übrigens noch “Kreuzweise deutsch”- ich möchte hier von einer Autorin erzählen, die ich neulich auf meiner Lieblingsinsel Rügen erlebte, in Altenkirchen, wo eine nahezu mystisch wirkende Kirche steht und der dortige Pfarrer in jedem Sommer für ein anspruchsvolles Kulturprogramm sorgt de.wikipedia.org.

Altenkirchen auf Rügen

Altenkirchen auf Rügen

Diesen Sommer las dort Julia Schoch aus ihrem jüngsten Buch “Schöne Seelen und Komplizen” (www.piper.de).
Darin erzählt sie von 16 Protagonisten aus Potsdam, die im ersten Teil (1989-1992) gerade ihr Abitur machen und im Teil 2 in der Gegenwart angekommen sind. Ein “Archiv vergangener Aufgeregtheiten” wie die Autorin so schön schreibt. Diese besondere Sprache und Formulierungskraft zeichnen Julia Schoch ganz sicher aus, auch wenn die Geschichten, die teilweise miteinander verzahnt sind im Verlauf des Buches durchaus auch verwirren. Dennoch hat mir dieses Buch Lust gemacht, noch mehr von der Autorin zu lesen und insbesondere ihr Werk “Mit der Geschwindigkeit des Sommers” (2009) halte ich für sehr empfehlenswert. Auch dort kreist sie rund um die Frage, welches Leben so für einen bereit steht, welche Möglichkeiten sich eröffnen oder eben nicht und ob wir Ostdeutschen nicht viel zu pflichttreu geprägt sind, so dass wir für etwas Großes gar nicht zur Verfügung stehen, weil wir nur gelernt haben, unser Leben zu erledigen wie eine Hausaufgabe: abarbeiten und Lob kassieren. Es gab zwar diesen Moment der Freiheit mit dem Fall der Grenzen, doch auf diesen folgten nach einer anfänglichen Gier des Augenblicks Trägheit und Ratlosigkeit und unterschwelliger Frust, der sich -aktuell zu erleben- bei den sogenannten Wut-Bürgern Bahn bricht. Und wenn uns dann nichts mehr hält, keine Religion und keine Kultur, keine Werte und keine Mitmenschlichkeit, dann sind wir weniger ein Meister, sondern eher ein Abklatsch unserer Umstände, die sich nicht beliebig zurichten lassen, wie es der Historiker Jörg Baberowski jetzt diagnostizierte. Sein Kommentar: Man kann Menschen nicht folgenlos ihre materielle und geistige Heimat nehmen und ihnen dann noch aus der eigenen privilegierten Lebensloge heraus empfehlen, die Lasten ihrer Wirklichkeit klaglos zu (er-)tragen. Politisch besteht also auch nach 28 Jahren deutsch-deutscher Wiedervereinigung Handlungsbedarf.