Ich bin ein Republikflüchtling – Vom Wert eines Lebens in Freiheit

Ich bin ein Kind der DDR und in Leipzig aufgewachsen. Meine Familie war allerdings alles andere als typisch ostdeutsch. Meine Mutter führte einen eigenen Laden mit Milch- und Käseprodukten, was schwer war in diesem sozialistischen Land mit Planwirtschaft, wo der Staat auch die Verteilung der Lebensmittel überwachte. Der Bruder meiner Mutter, also mein Onkel, gehörte ebenso zu dem Kleinstanteil von tapferen Selbständigen wie meine Mutter, denn er war DER Bäcker vor Ort und meine Tante bewerkstelligte die medizinische Grundversorgung und nicht zu vergessen mein Vater, dem jeder gern sein kaputtes Auto brachte, weil er es reparieren konnte. Meine Familie war also, wenn man so will, von der örtlichen Bevölkerung hoch geschätzt, wurde jedoch von den Trägern des Systems und erst recht von den Spitzeln der Stasi äußerst argwöhnisch betrachtet, denn keiner von uns war in der Sozialistischen Einheitspartei oder hisste am Haus eine Fahne.

Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit zählen unsere Familienfeiern in der Backstube meines Onkels, zu denen auch immer -im Zuge der Leipziger Messe- meine West-Verwandten kamen, die vor dem Mauerbau 1961 “rüber gemacht hatten“. Dann wurde in der Mitte der Backstube eine lange Tapeziertafel aufgestellt, weiße Stofftischdecken aufgelegt und das gute Sonntagsgeschirr und wir aßen und tranken und spielten und sangen. Fröhliche und einander zugewandte Lebensmomente!

Ansonsten aber habe ich die DDR als grau und trist in Erinnerung. Aufgeblasene Parolen bei dürftigen Realitäten und schon von Kindesbeinen an habe ich überlegt, wie es mir gelingen könnte, hinter die rund 1.400 Kilometer lange Mauer in die Freiheit zu kommen. Die Grenze mit den 55.000 Selbstschussanlagen zu überwinden oder über die Ostsee ins nicht sozialistische Ausland zu schwimmen, erschien mir zu gefährlich und als ich mich mit Freunden in Bulgarien einmal zu weit an die griechische Grenze vorgewagt hatte und ein anderes mal zu weit an die (ehemals) jugoslawische, wurden wir festgenommen und hart verhört und es war pures Glück, dass wir nicht im Gefängnis gelandet sind, sondern nach ein paar Stunden wieder laufen gelassen wurden.

Es war dann das Jahr 1988, das Jahr der sogenannten Reiseerleichterungen, in dem nicht nur alte Rentner und Schwerstkranke ein Visum für den Westen bekamen, sondern überraschenderweise auch ich, inzwischen Studentin der Theologie in Ost-Berlin. Eine Reiseerlaubnis für einen zweitägigen Besuch nach Frankfurt am Main, weil mein Onkel seinen 60. Geburtstag feierte.

Das war der Anlass, der mich im Zug Richtung Westen sitzend ins Grübeln brachte, ob ich tatsächlich wieder zurückfahren sollte in die DDR, denn möglicherweise war ja diese Erlaubnis, die DDR zu verlassen, meine einzige Chance im Leben, schließlich tönte Erich Honecker in diesen Tagen “Die Mauer stehe auch in 100 Jahren noch” und “Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“.

“Jetzt oder nie” hörte ich damals von Herbert Grönemeyer und entschied mich für das “Jetzt” und wurde so zum “Republikflüchtling”, den man bei Wiedereintritt in die DDR sofort festgenommen und eingesperrt hätte. Nun musste ich also lernen, ein neues Leben anzufangen in einer mir fremden Welt auf der Basis einer einzigen Reisetasche, was mir mit Hilfe von vielen lieben Menschen erstaunlich gut gelang.

Weil ich diese Geschichte habe, hat mich der Film “Ballon” von Michael Herbig, der von den waghalsigen Fluchtversuchen von DDR-Bürgern erzählt, besonders berührt (de.wikipedia.org). Er hat die alte DDR wieder auferstehen lassen, dieses schreckliche Überwachungssystem, das seinen Bürgern weder die Rede- noch die Reisefreiheit zugestanden hat.
Über den Film möchte ich hier nicht weiter berichten. Es ist sehenswert und ich empfehle den Gang ins Kino, auch Trailer sind im Netz zu sehen. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, wie wertvoll Freiheit ist und was rund 300.000 DDR-Bürger von 1961 bis 1889 unternommen haben, um endlich in Freiheit leben zu können. Ich schätze inzwischen nahezu tagtäglich, dass ich in Freiheit leben darf und versuche auch, mich nicht von modernen digitalen Überwachungs- und Steuerungssystemen einschränken zu lassen. Und noch etwas, die Erinnerung an den Wert eines Lebens in Freiheit sollte uns auch gegenüber den gegenwärtigen Flüchtlingen willkommens- und hilfsbereit machen.