„Wenn er einen Furz lässt, merkt die Welt auf“

Fotos © K. Lefebvre/ Bad Hersfelder Festspiele

Die 67. Bad Hersfelder Festspiele zeigen Uraufführung mit Martin Luther
Wie funktioniert Freilichttheater in einer Zeit, in der wir medial überversorgt sind? Ständig angepiepst und bildattackiert herumlaufen und kaum noch geübt sind mal längere Zeit stillzusitzen und zuzuhören und uns auf richtige Menschen und deren Gedankengänge einzulassen? Das war meine Frage als ich mich von Berlin aus zur Premiere von „Der Anschlag“ auf den Weg machte, das neue Sommerstück von Starregisseur Dieter Wedel („Der grosse Bellheim“, „Der König von St Pauli“, „Die Nibelungen“) uraufgeführt in der Stiftsruine von Bad Hersfeld (Hessen).
Nun, im Juli wenn die Tage noch lang sind, das Abendlicht betörend und die Luft lau ist so eine Ruine -im Herzen der zu DDR-Zeiten grenznahen Stadt westlich von Thüringen- eine grandiose Kulisse allzumal für ein Kirchenstück. Auch der Bezug zu Martin Luther passt nicht nur aufgrund von 500 Jahren Reformation, er passt auch weil Luther tatsächlich im Mai 1521 genau an diesem Ort gepredigt hat. Der äußere Rahmen stimmt also schon mal.
Trotzdem, zusammen mit über 1.200 Menschen fast drei Stunden lang auf eine Bühne zu schauen, verlangt im digitalen Pling-Zeitalter Anstrengungsbereitschaft und eine höhere Aufmerksamkeitsspanne als bei youtube-Häppchen.
Was mir zunächst angenehm auffällt, es raschelt und kruschelt und schmatzt und kaut nicht so wie inzwischen bei nahezu jeder Kinovorstellung üblich, was so manches Filmereignis zum Nerverlebnis macht.
Gleich zu Beginn setzt Wedel mit einer Erzählstimme die Ankerpunkte: Wahn, vor allem der religiös gefärbte, ist eine verhängnisvolle Brandfackel, die über Jahrhunderte hinweg immer wieder Leib und Leben vieler Menschen gekostet hat und das Beharren nur auf seinem eigenen Gott und Glauben (man könnte natürlich auch sagen „nur auf seiner Weltanschauung“) ist ein Missverständnis angefangen im Zwischenmenschlichen und bis hin zum Völkermord, weil uns doch oft sehr viel mehr verbindet als trennt.
Und gleich von Anfang arbeitet Wedel bei seiner Inszenierung nicht nur mit dem Medium Bühne, sondern ergänzt dieses um Videos, die links und rechts auf großen LED-Leinwänden abgespielt werden.
Das wirkt manchmal Schnickschnackhaft und hat, wenn dann auch noch der selbsternannte „Mister Tagesschau“ (Jan Hofer) und eine Boulevardmoderatorin (Mareille Höppner) auftauchen etwas Anbiederndes. Ist wohl aber ein Versuch, das Freiluftsaisontheater einem größeren Massengeschmack anzupassen und mit Prominenz aufzuwerten. Hat es das nötig?
Nein, denn ganz anders wirkt dagegen der Einsatz von drei großartigen Musikern live auf der Bühne, die den Theaterabend zu etwas sehr Besonderen machen.
Inhaltlich zielt das Stück darauf ab, Luther in verschiedenen Lebensphasen zu zeigen und vor allem seine verschiedenen Persönlichkeitsanteile mithilfe von gleich mehreren Luther-Schauspielern deutlich zu machen: vom Grübelnd-Verzweifelten über den Überheblich-Anmaßenden bis hin zum Aufrecht-Wütenden.
Herausragend spielt dabei vor allem die noch junge Janina Stopper den unsicheren Persönlichkeitsanteil des Reformators verkörpernd. Aber auch Corinna Pohlmann überzeugt als teuflische Verführerin vor allem mit ihrer Körpersprache.
Gewürzt wird das Stück durch die Durchtriebenheit und das machtpolitische Geschick der Kirchenvertreter allen voran Kardinal Cajetan (gespielt von Robert Bartl).
Das alles wird zeitgleich sowohl modern aufbereitet als auch in historischen Kostümen dargebracht und der Titel selbst -Der Anschlag- hat in Zeiten von vielfachen Terrorakten eine sicher gewollte Mehrdeutigkeit.
Luther hat zweifelsohne eine Zeitenwende eingeleitet, er hat die deutsche Sprache populär gemacht und damit auch so etwas wie „Nationalgefühl“ entstehen lassen. Luther wusste, wie wirksam die Macht der Worte sein kann und ebenso die Kraft der entfesselten Masse. All sowas lässt sich aber durch das Wedel-Stück noch einmal neu sehen oder wenn man so will erfahren und erlernen und wieder und wieder wird das Ganze unterstützt durch audiovisuelles Filmmaterial auf den seitlichen Leinwänden, das zB die Bücherverbrennung oder Naziaufmärsche zeigt oder an den Einsatz von Panzern und Wasserwerfern erinnert.
Funktioniert das Freilichttheater also auch im Digitalzeitalter noch? Ja, denn es lebt zum einen von den Inhalten, zum anderen aber vom Handgemachten, das von Schauspielern und Musikern Abend für Abend vor den Augen des Publikums immer wieder aufs Neue produziert wird. Die ersten Vorstellungen sind so auch nahezu ausverkauft (mehr auf www.bad-hersfelder-festspiele.de).