„Dialogplattform Einzelhandel“ – Digitalisierung, demografischer Wandel und verändertes Konsumentenverhalten

Meine Großmutter hatte in Schlesien noch einen sogenannten „Kolonialwarenladen“, wo es alles gab, was der Dorfbewohner so brauchte inklusive gemütlicher Schwatz und Anteilnahme am Befinden und Familienerleben gratis dazu.

Doch durch die Digitalisierung und Onlineeinkaufswelten verändert sich die Branche derzeit wie so vieles rasant. Demnächst kann wohl unser Gehirn direkt an das Netz angeschlossen werden und schwupps kommen die gewünschten Waren schneller als wir mitdenken können. Und wenn wir dann nicht zuhause sind, kein Problem, der hauseigene Service-Roboter nimmt gern die Lieferungen an, denn das Lieferantenmanagement ist im Online-Handel aktuell eines der größten Probleme.

Was aber wird aus dem Laden oder Einkaufszentrum von nebenan? Veröden diese Verkaufsflächen und damit auch die Innenstädte oder schaffen sie den Wandel zum „Sinn- oder Erlebnisstifter“ und werden zu Orten, wo wir lachen und Kaffee trinken und nebenbei noch Gesundheits- oder Ernährungstipps bekommen? Wo wir uns wohlfühlen und interagieren und Einkaufen wird zur Nebensache? Der Laden nicht mehr nur Verkaufsort, sondern als kreativer Lebens- und Ausdrucksraum?Kommt es also im Zuge der digitalen Transformation doch noch zu einer Rückkehr zum Menschlichen, zu Emotionalität und Kommunikation?

Die wirtschaftliche Bedeutung des Einzelhandels ist mit derzeit ca. 3 Millionen Beschäftigten groß. Doch 50.000 Einzelhändler sollen laut einer Studie bis 2020 verschwinden. Sowohl in den Städten als auch auf dem Land steht also die Frage nach der Zukunft.

Mehr als zwei Jahren hat das IFH, Institut für Handelsforschung GmbH, dazu geforscht und nun wurden im BMWi die Ergebnisse präsentiert und Handlungsempfehlungen auf ihre Umsetzbarkeit hin diskutiert. Den Startpunkt setzte Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, und versuchte neue Perspektiven aufzuzeigen. Danach diskutierten Josef Sanktjohanser (seit 2006 Präsident des Handelsverbands Deutschland, HDE), Stefanie Nutzenberger (seit 2011 Mitglied im ver.di Bundesvorstand) und Günter Althaus (seit 2009 Vorstandsvorsitzender der ANWR GROUP eG und seit 2016 Präsident des Mittelstandsverbunds) sowie Roland Schäfer (seit 1998 Bürgermeister der Stadt Bergkamen und ehrenamtlich Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebunds) mit der Ministerin und den Gästen und thematisierten dabei Breitbandausbau, klare gesetzliche Regelungen für die Störerhaftung und ein Produktsicherheitsrecht für alle sowie mögliche Förderprogramme, Modernisierung der Aus- und Weiterbildung und natürlich auch die Frage nach Sonntagsöffnungen, wenn der Konkurrent Internet immer offen hat.

Experten prognostizieren, dass im Jahr 2025 bis zu 25 Prozent des gesamten Einzelhandels über das Internet laufen werden. Darum ging es dann auch in den Tandem-Diskussionen zu „Die Chancen der Digitalisierung richtig genutzt“ mit der leidenschaftlichen Händlerin Tatjana Steinbrenner, die in Bensheim bereits in dritter Generation ein Kaufhaus auf 5.000 Quadratmetern erfolgreich führt sowie Jochen Mauch, seit 2010 Bereichsleiter Marketing & E-Commerce der Genossenschaft EURONICS Deutschland eG. Oder: „Der Einzelhandel als Magnet für die Innenstädte“ mit Stefan Genth, seit 2007 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) und Michael Gerber, seit 2003 Mitglied im Bundesvorstand der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland, bcsd, der von sich bekannte, selbst zwar ein klassischer „Einkaufsmuffel“ zu sein, aber große Freude daran zu haben, seiner Frau bei ihrem Einkauf zuzuschauen. Drittes Thema waren „Kreative Konzepte zur Versorgung auf dem Land“ mit Christian Schneider, Leiter Standortentwicklung REWE national und dem agilen Pensionär und ehemaligen Lehrer Heinz Frey, der die Initiative DORV gegründete, die für „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ steht. Gerade an Standorten, wo sich herkömmliche Anbieter zurückgezogen haben, sollen die Bürger wieder aktiv werden und Zentren aufbauen, wo es von der Milch bis zum Autonummernschild alles gibt. „Wiederherstellung der Nahversorgung“ lautet das Motto, gerade dann, wenn der letzte Laden vor Ort schon dicht gemacht hat. Der Nebeneffekt: Wohnen und Arbeiten werden wieder näher zusammengebracht und so „sozialer Profit“ erzeugt. Mich erinnerte das Ganze dann doch wieder an den „Kolonialwarenladen“ von meiner Oma.

„Dialogplattform Einzelhandel – was bleibt zu tun?“ – fragte am Ende Uwe Beckmeyer, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie und bedankte sich herzliche für meine anregende und tolle Moderation. Realistisch erscheint, das Beste aus beiden Welten -On- und Offline- zusammenzuführen.